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Eindrücke I

CapeTownPosted by LoopBack Mon, February 15, 2010 18:00:19

In unregelmäßigen Böen greift der starke Wind aus westlicher Richtung nach unserem Auto, rüttelt kräftig daran und lässt ebenso plötzlich, wie er gekommen ist, wieder von uns ab. Im vorausliegenden Grau der Wolken zeichnet sich eine dunkle, wie mit dem Lineal gezogene Kante ab. Rechts und links davon verdichten sich dunklere Schwaden langsam zu Kegeln. Schließlich tritt die Silhouette des Tafelberges, umrahmt von Lionshead und Devils Peak, majestätisch aus dem grauen Dunst hervor und ein merkwürdiges Gefühl von Vertrautheit stellt sich ein. Wir sind wieder zurück in Kapstadt! Zurück dort, wo Strom und Handyempfang selbstverständlich sind, wo verschwenderisch bestückte Supermärkte an jeder Straßenecke stehen, wo man sich wieder angewöhnen muss die Autotüren zu verriegeln.


[Der Tafelberg grüßt schonaus weiter Ferne.]


Während der Reise vom südafrikanischen Hinterland durch die Hochebenen von Lesotho, vom geschundenen Zimbabwe zu den wilden Savannen von Botswana und weiter durch die Kalahari-Hochebene Namibias hinunter zur Atlantikküste überbieten sich unsagbare Eindrücke ein ums andere. Jeder Tag muss neu bestaunt werden, auch wenn man eigentlich noch vom Gestern vereinnahmt wird. Zum Reflektieren blieb da wenig Zeit - zum Schreiben gar keine. Das eine, wie das andere, hole ich nun langsam nach.


[Der Storm-River Mouth trägt seinen Namen nicht zu unrecht.]


Dabei werde ich mich davor hüten das Unmögliche zu versuchen und die unbeschreiblichen (!) Landschaften Afrikas zu beschreiben. Ich würde sinnlos Adjektive und Superlative in eine Feuerwerk verbrennen, ohne einen wirklichen Eindruck davon vermitteln zu können. Das überlasse ich eingestreuten Fotos, die zwar auch weit hinter der Realität zurück bleiben, aber dabei wenigstens nicht ganz so hilflos wirken.

[Der Otter-Trail an der Garden-Route gehört zu den berühmtesten Wanderwegen Südafrikas und ist für Jahre ausgebucht. Gut, dass man wenigstens den ersten Teil auch ohne Genehmigung gehen kann.]


Aber es sind ohnehin nicht die Landschaften, die einen nachhaltig prägen und jede Reise einzigartig machen - es sind die Menschen, die man trifft. Der Polizist an einer nächtlichen Straßensperre in Zimbabwe oder der auf Tourismus umgestiegene Fischer aus dem Okavango-Delta prägen das Bild ihres Landes mehr, als dessen Postkartenmotive. Sie lassen sich nur nicht so leicht verschicken...



Wir müssen leider draußen bleiben(Queenstown, Free State/Südafrika)

Das fahle Licht einer blanken Neonröhre macht die bestenfalls als zweckmäßig zu beschreibende Bar nicht gerade gemütlicher. Das einzig lebhafte in diesem gekachelten Raum mit fleckigem Billard-Tisch und abgenutzten Barhockern gruppiert um eine sterile Plastiktheke ist ein plärrender kleiner Fernseher in der hinteren Ecke des Raumes. Aber man erwartet auch nicht viel, wenn man den einzigen Campingplatz in Queenstown im Free State anfährt. Hierher verirren sich kaum Touristen und wenn doch, dann nur um schnellstmöglich den kargen, irgendwie landwirtschaftlich geprägten Staat zwischen Wild Coast und Johannesburg zu durchqueren.

Ein fülliger Mann zwängt sich hinter der Bar entlang, erwidert meinen Gruß mit einem Grunzen und verschwindet hinter einem Vorhang mit der Aufschrift „Private Party - No Entry“. Mit meinem Bier kehrt auch die Kellnerin, gleichzeitig Besitzerin des Campingplatzes und Ehefrau des Fülligen, zurück. Wir plaudern ein wenig belanglos dahin, bis sie schließlich als gute Gastgeberin mit dem Kopf in Richtung Vorhang deutet und sagt, dass heute dort eine kleine Party stattfinden würde und natürlich wären wir als Gäste auch ganz herzlich eingeladen. Das sei ja nun eine Selbstverständlichkeit! Ich wunder mich ein wenig wer sich denn außer Campingplatzgästen noch hierher, 10km die verlassene Landstraße in Richtung Nirgendwo, verlaufen soll. Sie scheint meinen irritierten Blick zu bemerken und meint lächelnd: das mit dem Schild solle ich nicht zu ernst nehmen - das sei nur, um „Die Schwarzen“ (Gäste) draußen zu halten. Mit dem Schluck Bier bleibt mir auch eine herausfordernde Antwort im Halse stecken.

[There is nothing to do in Freestate.]



Verstehen Sie Pass? (Grenzübergang Telebridge, Lesotho)

Gut, dass zwischen uns und dem Grenzbeamten eine hölzerne Absperrung durch die Grenzhütte gezogen ist, sonst wären wir durch die wild ausladenden Hand- und Armgesten vermutlich schon verletzt worden. Ein weiterer unverständlicher Redeschwall, begleitet von vehementem Wedeln mit unseren Pässen. Mit Englisch geht es hier nicht weiter. Obwohl es eigentlich klar sein sollte, dass das einzige, was vier weiße Touristen am Grenzübergang Telebridge wollen könnten die Einreise nach Lesotho ist, scheint es ein ernsthaftes Verständigungsproblem zu geben. Der Beamte kratzt sich gestikulierend unter den Armen. -Nein. Krankheiten haben wir keine. Wieder schwappt das Gerede durch die Hütte und mir dämmert langsam, was hier vor sich geht: er will nicht verstehen! Weltmännisch schiebe ich also 50 Rand - etwa viermal so viel wie die Einreise kosten dürfte - über den Schalter. Lächelnd nimmt er das Geld und legt es beiseite. Ich glaube wir verstehen uns jetzt. Aber vielleicht war es doch nicht genug - das Gestikulieren geht weiter, konzentriert sich jetzt auf Lina, die er, sollte sie nicht verheiratet sein, wohl ehelichen möchte. Das zumindest könnte das heftige Deuten auf die Ringfinger bedeuten. Also doch zurück nach Südafrika und einen anderen Grenzübergang nehmen? Oder einfach mehr Bestechungsgeld anbieten? Plötzlich nimmt er unsere Pässe, stempelt ebenso heftig, wie er vorher durch die Luft gewedelt hat unsere Pässe und fragt uns grinsend und in einwandfreiem Englisch, wo in Lesotho wir denn hin möchten. Mit unseren gestempelten Pässen reicht er uns mit einer Geste der Selbstverständlichkeit das korrekte Wechselgeld und begleitet uns noch zum Auto, um uns Tipps für die Weiterfahrt zu geben und uns eine schöne Zeit im Mountain Kingdom zu wünschen. Nachdem mein anfänglicher Ärger Erleichterung und Belustigung gewichen ist muss ich ihm innerlich Respekt zollen. Er hat jede unserer vorurteilsbeladenen Erwartungen über das ungebildete, korrupte Afrika erfüllt und übertroffen - und uns eine augenzwinkernde Lektion erteilt.

[Das Warten hat sich gelohnt: Lesotho, das Dach Afrikas.]



Dies ist der erste von drei Teilen über Begegnungen auf dem Weg von Kapstadt nach Kapstadt. Die nächsten dauern nicht so lange, wie dieser hier ;-)