capetown

capetown

Hinweis

Besucht auch Linas Blog!

Eindrücke III

CapeTownPosted by LoopBack Sat, February 20, 2010 19:32:37

Drei Durchschläge mit Ziege (zwischen Maun und Ghanzi, Botswana)

Jetzt übertreiben sie es aber langsam, denke ich mir, als schon wieder ein Polizist auf der Straße steht und uns an den Rand winkt. Botswana scheint um seine Autofahrer tatsächlich besorgt zu sein - und weil Verkehrskontrollen und allgemeine Belehrungen über den Straßenzustand („Die Straße ist schlecht...“) durch ein örtliches Kommittee unter einem Zelt am Straßenrand billiger sind als die Straßen selbst zu verbessern heißt es alle paar Kilometer: langsamer werden, anhalten, zuhören, nicken, weiterfahren.


[Ob man an der schönen alten Brücke denn auch baden könne, hat ein Gast unseres Backpackers die Einheimischen gefragt. "Ja", war die Antwort, "wenn man schnell genug ist schon." - Der Okavango hat eine erschreckende Vielzahl von Krokodilen...]


Aber diesmal ist es anders: eine echte Geschwindigkeitskontrolle! Der Polizist bittet mich höflich aus dem Fahrzeug und führt mich zum mobilen Laser, an dem er mir meine Geschwindigkeit und das aktuelle TÜV-Siegel des Messgerätes zeigt. Ob ich dagegen etwas einzuwenden hätte? Nein? Dann bitte weiter zu den Kollegen unterm Akazienbaum. Dort werde ich von zwei Beamten in ihrem Polizeiwagen in Empfang genommen. Der erste nimmt meine Geschwindigkeitsüberschreitung zu Protokoll (11 km/h innerhalb von geschlossenen Ortschaften, wobei mir unklar ist, wo sich dieser geschlossene Ort befinden soll), überträgt die Daten meines Führerscheins und meines Reisepasses und händigt mir, nachdem ich mit einer Unterschrift und nach einer Belehrung auf Einwände und Einlassungen verzichtet habe, zwei Durchschläge aus. Einer blassrosa, einer hellblau. Dann werde ich zum Kollegen von der „Finanzstelle“ weiter gereicht, will sagen: ich gehe um das Auto herum, auf dessen Ladefläche - das bemerke ich jetzt erst - eine unglücklich wirkende Ziege festgebunden ist. Der Kollege auf dem Beifahrersitz nimmt den blassrosa Durchschlag entgegen, händigt mir eine Tabelle des Verkehrsministeriums aus, auf dem die Höhe des Bußgeldes für jede Überschreitung der Geschwindigkeit ab 1 km/h (!) aufgezeichnet ist und beginnt damit, die Geschwindigkeitsüberschreitung, meine Daten etc. in ein weiteres Formular zu übertragen. Nachdem ich auch gegen die Verhängung des konkreten Bußgeldes keine Einwände habe und die happigen 300 Pula (etwa 35 Euro) bezahlt habe, bekomme ich nicht nur darüber wieder einen Durchschlag, sondern natürlich auch das Original der Quittung. Alles muss eine Ordnung haben. Als ich mich vom Polizeiauto entferne spricht mich ein unglücklicher südafrikanischer Tourist an, der fragt ob ich ihm Rand in Pula wechseln kann (ich kann nicht). Sein Bußgeld von gut 550 Pula könne er nämlich nicht bezahlen, weil er nur noch Rand habe, die sie hier nicht akzeptiert werden. Und ohne Zahlung wollen sie ihn nicht weiterfahren lassen, weshalb er jetzt mitten im Nirgendwo (pardon: einer geschlossenen Ortschaft!) in Botswana festsitzt. Da ich ihm leider nicht helfen kann wünsche ich ihm viel Glück beim nächsten Autofahrer. Als ich zum Auto zurück gehe höre ich die Ziege blöken - das wäre vielleicht auch die Rettung für den gestrandeten Verkehrssünder. Aber als Tourist hat man so leider selten Vieh dabei...


[Tourist? Wieso Tourist?! Fotosafari auf einer Insel im Delta]



[Die Wildpferde von Aus/Namibia. Überhaupt gibt das steppige Innland Namibias eine prima Kulisse für Western ab.]


Wo die wilden Kerle wohnen (Waterfall-Trail, Cederberge/Südafrika)

„Das Problem ist, „ erklärt mein unfreiwilliger Begleiter „dass es in Südafrika keine echten Männer mehr gibt.“ Um seine Analyse zu unterstreichen lässt er die mannshohe Peitsche, die er bei sich trägt, geräuschvoll durch die Luft zischen. „Alle verweichlichen viel zu sehr - DAS ist das Problem.“ Die etwas schlaksige Gestalt mit breitem Tropenhut und wettergegerbtem Gesicht, die sich durch ihr ähnliches Tempo an meine Fersen auf dem Weg zum Wasserfall geklemmt hat, schwelgt nun in Erinnerungen ihrer eigenen (mutmaßlich glorreichen) Militärzeit. Ein Monolog, der mir die Zeit gibt meine Blicke und Gedanken etwas schweifen zu lassen. Der Weg vom Campingplatz zum Wasserfall führt etwa dreihundert Höhenmeter an einer tief eingeschnittenen Schlucht entlang die Cederberge hinauf. Wo eigentlich dunkles Tannengrün die Hänge bedecken sollte ragen nur noch schwarze Stümpfe empor. Jemand hatte wohl im vorvergangenen Jahr sein männliches Grillfeuer (das traditionelle Braai) ebenso wenig unter Kontrolle wie die Feuerwehr den daraus entstehenden Waldbrand. Überhaupt kommt mir die These, dass das entscheidende Problem fehlende Männlichkeit und Härte ist, in einem Land, das die höchste Rate von Vergewaltigungen, ein massives Gewaltkriminalitätsproblem und das beste Rugby-Team der Welt hat, etwas gewagt vor. Und überhaupt wird mir in der nächsten halben Stunde noch einmal vor Augen geführt, dass große Teile der südafrikanischen Mittelschicht - schwarz oder weiß - in einer stark körperlich-archaischen Kultur leben. Beide haben nicht direkt mit einander zu tun und doch decken sie sich bei Themen wie der Wiedereinführung der Todesstrafe, gezielten Todesschüsse auf Kriminelle, einem patriarchaischen Familienbild und einem elterlichen (meist väterlichen) Züchtigungsrecht bis ins Detail.


[Der Orange-River hat seinen Namen daher, dass er mehr Sand und Sediment mit sich führt als der Nil oder der Jangtse. Schnorcheln kann man hier vergessen.]


Das urtümliche Männlichkeitsbild wird in der weißen Mittelschicht vor allem durch im Rugby erfolgreiche Söhne gepflegt. Jedes Jahr kommen bei dem Versuch dem Vater und sich selbst etwas zu beweisen und in ein nationales Team zu kommen mehrere Jugendliche zu Tode. Teils kippen sie vor Überanspruchung einfach um, wenige werden während des Spiels - gegen das die gut verpackten Football-Spieler aus den USA wie Memmen wirken - tödlich verletzt, die meisten jedoch sterben krampfend und alleine auf irgend einer Toilette, weil das Dopingmittel doch nicht so sicher war, wie der Dealer (oder Trainer) behauptet hatte. Aber das ist wohl der Preis in fast jedem Spitzensport. Anders als bei der Tour de France allerdings gewinnt nicht unbedingt der Sportler die Herzen, der einfach nur gut ist - er muss dabei ordentlich einstecken und austeilen können. Je roher eine Mannschaft vorgeht, desto besser für die Ticketverkäufe. Wenn der Planwagen schon nicht mehr mit Gewalt weiter getrieben werden kann, dann doch wenigstens das ovale Schweineleder.

Anders als früher beim Planwagen stellt sich diesem jedoch kaum ein Schwarzer in den Weg - die Anzahl nicht-weißer Spieler und Fans lässt sich fast an einer Hand abzählen. Ein Großteil schwarzen Testosterons entlädt sich dafür innerhalb der Townships - und gerade an Frauen. Gewalt- und Sexualverbrechen sind an der Tagesordnung und nicht vollständig mit Armut und Perspektivlosigkeit zu erklären. Wo Lesben durch Massenvergewaltigungen „geheilt“ werden sollen, wo das soziale Umfeld häufig dem Opfer sexueller und häuslicher Gewalt die Schuld gibt und wo ein Mann, der knapp einer Verurteilung wegen Vergewaltigung entgangen ist, zum Präsident gewählt wird (das mutmaßliche Opfer wurde vor Gericht mit Steinen beworfen) liegt das Problem tiefer.

Das alles sage ich meinem Begleiter nicht. Und warum auch? Erstens habe ich nicht gedient und deshalb ohnehin kaum eine Meinung und zweitens klänge meine Moralapostelei reichlich hohl. Erzwungener ehelicher Beischlaf, Züchtigungsrecht und Schwulenhass waren vor noch nicht allzu langer Zeit auch bei uns sehr salonfähig... Ein Grund sich daran zu erinnern, dass all dies auch bei uns mühsam erkämpft werden musste. Und wer den Zeigefinger nicht mahnend hebt kann ihn viel besser in die Wunde legen - denn ein ehrlicher, nicht moralinsaurer Diskurs darüber ist in Südafrika bitter nötig.

Wir erreichen endlich den Wasserfall, der sich auf ein Plateau hoch über dem Tal ergießt. Bei annähernd vierzig Grad im Schatten dürfte der Pool zwar tiefer sein, aber ich bin nicht wählerisch. Als ich mich nach kurzer Erfrischung wieder auf den Rückweg machen will muss ich allerdings noch die Frage los werden, warum mein Begleiter eine Peitsche mit sich herum schleppt. „Wegen der Paviane.“ lautet die lakonische Antwort. Meinen etwas skeptischen Blick bemerkend fügt er hinzu: „Und weil ich mich damit einfach besser fühle!“


[Nicht so groß und beeindruckend wie die Vic-Falls, aber auch sehr erfrischend: Wasserfall in den Cederbergen.]