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Afrikanische Gretchenfrage

CapeTownPosted by LoopBack Mon, April 12, 2010 11:57:24

Die Osterglocken sind verklungen, die importierten Lindt-Schokohasen aus den Regalen verschwunden und alle Eier wurden entweder gefunden, oder von Stachelschweinen genascht. Die Wiederauferstehung Jesus' ist auch in Südafrika gebührend (d.h. europäisch) begangen worden – spirituell wie kommerziell. Aber wie steht es denn nun in Südafrika mit der Religion? Neben den Vorstellungen, dass Afrikaner stets Knochen werfen und Ahnen beschwören lassen ist das einzig Religiöse, das internationale Aufmerksamkeit erregt, der in schöner Regelmäßigkeit veröffentlichte Papst-Aufruf an den pandemiegeplagten Kontinent doch bloß keine Kondome zu benutzen. Amen.


Doch wer interessiert sich hier eigentlich für das, was ein deutscher Katholik in Rom zur Auslegung eines sehr alten Buches zu sagen hat? Man dürfte doch vermuten, dass Federn und Wurzeln wesentlich liberaler sind was Verhütung angeht. Aber wer so denkt der verkennt, dass das Christentum in Südafrika die dominante Religion ist. 85 % bezeichnen sich selbst als christlich – und die Mehrheit davon ist sehr viel gefestigter im Glauben als die meisten Europäer. Als wir im vorweihnachtlichen Bulawayo (Zimbabwe) etwa nach dem Weg gefragt haben bekamen wir nicht nur die gesuchte Wegbeschreibung, sondern ich wurde auch gleich von den hilfsbereiten Passanten gesegnet (mit Handauflegen) und habe diese Ehre nach anfänglichem Zaudern natürlich freundlich erwidert.


[Erzbischof Desmond Tutu, streitbarer Geistlicher für eine geeinte Regenbogennation (diesen Ausdruck hat Tutu geprägt). Er gehört zur anglikalischen Kirche, hat Frau und Kinder und offenbar Spaß am Leben. Bild entnommen von www.Blogula-rasa.com]


Der Grundstein für dieses feste Glaubensfundament wurde mit der Kolonialisierung gelegt. Missionare brachten das Wort Gottes mit Barmherzigkeit und Bajonett in die Kolonien, wo es auf oft ungebildeten und ohnehin abergläubischen – also sehr fruchtbaren – Boden, fiel. Nach der Entkolonisierung übernahmen fast alle Staaten einen sehr radikale „Entwicklungspolitik“: Im Einklang mit IWF und Weltbank wurden Sozialsysteme (wo sie überhaupt bestanden) stark zurück gefahren oder gleich ganz abgeschafft, um den freien Markt zu stärken. Die Missionen wurden dabei als bequeme, weil für den Staat kostenlose, Sozialhilfe gesehen, was natürlich ihr Ansehen in der verarmten Bevölkerung weiter steigerte. Einem hungrigen Magen ist es nicht so wichtig, ob er aus einer Rippe geformt wurde oder nicht. Dass die Bildung weiterhin mangelhaft bis nicht vorhanden blieb tat ihr Übriges. In jüngerer Zeit begreifen auch mehr und mehr radikale Splitterkirchen (insb. aus den USA) Afrika als spirituellen Wachstumsmarkt. Und dank großzügiger Zuwendungen, die oft zur Selbstbedienung korrupter Kleriker und Politiker einladen, fällt die Expansion leicht. So ist es nicht verwunderlich, dass auch der politische Einfluss religiöser Gruppen stetig wächst.


Dabei gehen und gingen Kirchen oft eine unheilige Allianz mit archaisch-patriarchaischen Vorstellungen ein. Homophobe Gewalt etwa wird durch die entsprechend ablehnende Haltung der großen Religionen unterstützt. Das Strafgesetzbuch in Uganda, das Sex zwischen Männern nun mit der Todesstrafe belegt, wurde maßgeblich durch die Initiative amerikanischer Wiedererweckter auf den Weg gebracht (wobei diese schnell sind zu versichern, dass ihnen die Todesstrafe zu weit geht – lebenslange Haft hätte ja gereicht...). Auch die althergebrachte Stellung der Frau – respektive unter der des Mannes – lässt sich bestens mit dominanten Glaubenskonzepten in Einklang bringen. Zweitausend Jahre alte Konzepte passen eben gut zu ähnlich alter Stammeskultur. Aber dieses Phänomen ist nicht nur auf schwarze Gemeinden beschränkt. Es ist gute Sitte in vielen von konservativen Afrikaanern (Boeren) besuchten Kirchen, dass die Frauen gefälligst hinten zu sitzen haben; von Moscheen, die in urbanen Gegenden viele Anhänger unter den Farbigen haben, einmal ganz abgesehen.


[Zulu-Sangoma bei der Arbeit. Bild entnommen aus ZululandEcoAdventures unter www.eshowe.com]


Wo Kirche und Kraal einmal nicht so harmonisch zusammen passen wird entweder der Glaube modifiziert – eine christliche Sekte glaubt etwa daran, dass ihr vor 40 Jahren verstorbener Gründer die Wiedergeburt Jesus' war und er von einem bestimmten Berg in den Himmel aufgestiegen ist; allerdings haben sich innerhalb dieser Bewegung nun vier verfeindete Splittergruppen gebildet, die sich erbittert um das Vorrecht über den Berg streiten –, oder die Tradition wird getrennt von der Kirche weiter gepflegt. So ist es kein Widerspruch, dass im Township Khayelitsha direkt neben einer heruntergekommenen Gemeindekirche ein Hexenmeister (getarnt als Kräuterheiler) – ein sog. Sangoma – seine Dienste anbietet. Und die Chancen stehen gut, dass viele Kirchgänger nach der heiligen Messe bei ihm vorbei schauen. Geisterbeschwörung im Krankheitsfall, Knochenwerfen für Karrierezwecke oder Talismane am Rückspiegel gehören zum Leben vieler Schwarzafrikaner wie Auf-Holz-Klopfen, Salz über die linke Schulter werfen oder Bleigießen für Europäer. Oft steht dabei nicht das Spirituelle im Vordergrund, sondern eher Traditionsbewusstsein. Wobei die Übergänge fließend sind. Die Ahnen sind Teil der Tradition und der alltäglichen Welt, sie sind erfahrbar in Krankheiten, Tieren, Pflanzen und Träumen. Wo hört da Tradition auf und wo beginnt ursprünglicher Glaube? Gott ist da oben, die Ahnen sind hier. Beide existieren irgendwie neben- und miteinander – der eine abstrakter, das andere bodenständiger. Dass der christliche Gott die Welt geschaffen hat und unser Leben und Sein bestimmt wird von der Mehrheit inbrünstig geglaubt. Aber wenn es um handfeste Probleme geht ist ein im Busch einem Vogelgeist gestohlener Zauberstock doch sehr viel handfester als die Heilige Dreifaltigkeit...