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bittere Pille

CapeTownPosted by LoopBack Thu, August 06, 2009 12:54:08

Waren Sie schon einmal bei uns? Nein. Sind Sie Bluter? Nein. Haben Sie Allergien? Nein. Zahlen Sie bar? … Moment. Die Frage kannte ich noch nicht. Und doch bewirkte sie, wie sie sich fast schüchtern zu den anderen Fragen gesellte, dass ich meinen Besuch beim südafrikanischen Zahnarzt ganz anders wahrnehmen sollte. Bisher galten alle meine hektischen Gedanken, sobald sich der Stuhl surrend in eine Position irgendwo zwischen unbequem überkopf liegen und beinahe-von-der-Liege-rutschen bewegte, dem sicherlich nicht mehr fernen Schmerz. Nicht aber, wenn man umgerechnet „nur“ gut 150 Euro in der Tasche und die unschuldige Frage mit Ja. beantwortet hat. Jeder Handgriff der routiniert-gelangweilten Zahnärztin, die mir beruhigend oft ihr Tun erklärte, indem sie schlicht „Open!“ befahl, wurde von mir argwöhnisch auf versteckte Kosten untersucht. Betäubungsspritze? Kostet sicherlich ein Vermögen. Abgelehnt. Nein. Untersuchen Sie nicht alle Zähne. Nur den einen. Kenne ich diese Paste aus Deutschland, oder will sie mir eine unnötige, sauteure Reinigungspaste auf Silberbasis aufdrücken, um sich nach getaner Arbeit bei einem Cosmopolitan an der Waterfront über den „German Douchebag“ lustig zu machen, der ihr den Abend bezahlt? Mit diesen krämerhaften Gedanken ist nicht leicht klar zu kommen, wenn man von Zahnmedizin so gut wie gar keine Ahnung hat. Das ist letztlich aber auch besser. Denn ein eventueller Protest gegen die Cosmopolitan-Salbe wäre durch die Wattebäusche und Instrumente zwischen mir und meiner Sprache ohnehin nicht möglich gewesen. Das ständige Misstrauen – sicherlich nicht ganz unberechtigt, wenn ich an das ziemlich überflüssige Piccolo-Röntgenbild denke, das gemacht wurde – überlagerte jedenfalls zu jedem Zeitpunkt meine Angst vor Schmerzen. Hätte ich allerdings jemals Vertrauen zu Zahnärzten gehabt – es wäre spätestens mit diesem Besuch zerrüttet worden. Für mich steht jedenfalls fest, dass in der Beziehung zwischen Arzt und Patient die Sorge um das Geld weder auf der einen, noch auf der anderen Seite eine Rolle spielen darf. Es ist eine Sache, wenn mein aufgebocktes Auto einen überflüssigen Satz Winterreifen verpasst bekommt. Meinen Arzt zu belauern, ob er mir aus Profitgründen oder aus medizinischer Notwendigkeit eine Spritze in den Gaumen jagen will ist etwas völlig anderes.

Im Aufzug von der Zahnpraxis zurück zum Parkdeck stiegen zwei Farbige zu mir in den Fahrstuhl und fragten, ob ich – der ich offenbar immer noch 10m gegen den Wind ausländisch aussehe – vom Lufthansabüro käme. Als ich verneinte und mit rollenden Augen auf den Zahnarzt im 12. verwies, erwiderte er mein Grinsen mit mehr Lücke als Zahn als er sagte: „Sehr gut. Dann lassen Sie doch nächstes Mal, wenn sie zum Zahnarzt gehen, ihr Auto auf dem oberen Parkdeck waschen. Wir sind sehr gründlich.“ Auf einmal kam mir unglaublich schäbig vor. Statt der typischen mitleidigen Antwort, derer sich bei uns jeder Zahnarztpatient kurz vor oder nach seiner Behandlung sicher sein kann, wurde ich daran erinnert, dass der scharfe Medikamentengeschmack in meinem Mund für viele ein Luxus ist. Wie schon vorher geschrieben: eine allgemeine Krankenversicherung existiert (noch) nicht und wer es sich nicht leisten kann 100 Euro für einen halbstündigen Zahnarztbesuch zu bezahlen (mein Geld hat also gereicht), der muss es entweder in überfüllten und unterbesetzten öffentlichen Krankenhäusern versuchen, oder es gleich sein lassen. Der Autowäscher schien über diese gesellschaftszerreißende Ungerechtigkeit, als deren Symptom ich vor ihm stand, keineswegs verbittert. Im Gegenteil schenkte er mir beim Aussteigen noch ein aufrichtiges, zahnloses Lächeln. Wie wenig frühere und aktuelle Ungerechtigkeiten in den benachteiligten – d.h. schwarzen oder farbigen – Kreisen für Aufregung sorgen ist mir ohnehin ein großes Rätsel. Ich hätte nie gedacht, dass ein zugewanderter Kenianer gerne Afrikaans sprechen würde und über die koloniale Vergangenheit in Afrika schlicht sagt: „Was hilft das Leben in der Vergangenheit? Wir müssen nach vorne blicken. Hart arbeiten und das Beste aus uns machen.“ Ich frage mich wirklich manchmal, woher dieser Langmut kommt und warum es nicht im ganzen Land so zugeht wie in den Townships um Jo’Burg, die Polizeiwagen bewerfen und Mülltonnen anzünden, weil sie immer noch weder Wasser, noch Strom, noch Straßen, Krankenhäuser, Schulen oder Chancen haben…


P.S.: keine Sorge - Fotos kommen noch...