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Lernen und Lernen lassen

CapeTownPosted by LoopBack Sun, August 23, 2009 20:17:57
Es ist Sonntag. Draußen pfeift ein stürmischer Wind durch die Bäume, über den Ozean und durch die mangelhaft isolierten Fenster in unsere Wohnung hinein. Eigentlich sollte man dieses Wetter nutzen um Cape Point zu besuchen, den peitschenden Wellen am Strand zuzugucken oder sehr robuste Drachen steigen zu lassen. Aber mein Cape heißt heute Corporate Governance und um dem noch einige weitere Minuten zu entgehen nutze ich die Gelegenheit etwas über Lernen in Kapstadt zu schreiben.

An der Uni ist das anfängliche Chaos nicht stattfindender, über-, bzw. unterbelegter Kurse dem alltäglichen Chaos aus verschwindenden Workshops, stattdessen urplötzlich auftauchenden Lehrgängen und Kommunikationsproblemen gewichen. Wer sich die UCT als afrikanische Uni oder das, was wir in Europa dafür halten, vorstellt liegt allerdings weit daneben. Was Raumausstattung, Internetzugänge, Computerplätze und Arbeitsatmosphäre angeht tut die Uni Köln gut daran so weit weg zu sein – einen direkten Vergleich würde sie nämlich klar verlieren. Der Campus liegt im Norden der Stadt direkt unterhalb des Table Mountain und gliedert sich in drei verschiedene Teile. Der Upper Campus besteht größtenteils aus altehrwürdigen Gebäuden und erinnert sehr an amerikanische Elite-Unis oder das, was wir in Europa dafür halten. Die juristische Fakultät ist auf dem Middle Campus untergebracht und sieht aus wie eine Kreuzung aus praktischem Backstein-Bau, Tempelanlage und Gartencenter. Wie in Köln scheint sich auch hier die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass Fenster in Hörsälen nur ablenken. Da man hier entweder auf den Table Mountain, oder über die weite Fläche der Capeflats blicken könnte ist diese Befürchtung aber durchaus nicht unbegründet. Der Lower Campus ist weniger interessant. Er beherbergt alle möglichen kleineren Institute, Verwaltungsgebäude und vor allem das unieigene Fitness-Center.

Bilder: Upper Campus, Kramer-Law-Building (Lichthof), Kramer von außen


Jede Woche fahre ich von diesem exzellenzdurchklusterten Leuchtturm zu einer völlig anderen Stätte des Lernens: zum SHAWCO-Center im Township Khayelitsha. Dieser Township ist das größte in Kapstadt und liegt nur ca. 20 Autominuten von der Uni entfernt in Richtung False Bay. Dicht gedrängt leben hier gut eine Million Menschen in Holz- oder Blechhütten und, wenn sie mehr Glück und viel Geduld hatten, auch teilweise ordentlichen Ziegelhäusern (die Wartezeit für eine solche staatliche Unterkunft beträgt derzeit ungefähr 15 Jahre). Wasser und Strom, soweit vorhanden, müssen die Bewohner mit Prepaid-Karten bezahlen, die ganz ähnlich aussehen und funktionieren wie die fürs Handy. Wer es sich nicht leisten kann – und das sind viele – der heizt eben mit Holz. Zusammen mit der lebensmüden und oft illegalen Verkabelung des Stromnetzes ist das der Grund dafür, warum die eigentlich sehr feuchten CapeFlats immer wieder Schauplätze großer Brände werden. Keine ideale Umgebung um sich selbständig zu machen. Trotzdem (und weil es für die meisten die einzige Möglichkeit ist überhaupt etwas Geld zu verdienen) gedeiht in diesem Milieu ein ganz besonderes Unternehmertum heran. Aufopfernd bis zum Limit und mit verzweifelter Beharrlichkeit versuchen sie sich eine Existenz aufzubauen. Dabei werden diese Township-Unternehmer von der studentischen Organisation SHAWCO unterstützt, die ihnen die Grundzüge unternehmerischen Handelns vermittelt. Obwohl ich weder ein Experte im Marketing, noch in Preisanalyse oder Buchhaltung bin arbeite ich mich jetzt jeden Dienstag mit etwa 15 angehenden Unternehmern zwischen 19 und 48 und 1 weiteren Studenten 3 Stunden durch die trockene Theorie des erfolgreichen Entrepreneurs (man sieht wie viel das mit Zahlen zu tun hat!). Und wenn wir Glück haben wird mit unserer Hilfe bald die erste Pizzeria Khayelitshas’ eröffnet… Ich bin gespannt.



Nicht der Township, sondern das wohlhabende Camps Bay. Hier der Strand...

... und hier der Hang, an dem wir wohnen.