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Land und Landschaft I

CapeTownPosted by LoopBack Wed, September 23, 2009 10:53:46

Beim Durchlesen meiner letzten Blogeinträge drängt sich mir der Eindruck auf Südafrika – und Cape Town im Besonderen – sei… jedenfalls interessant. Ein Adjektiv, in dem mit der Neugierde auf Unbekanntes auch stets eine gewisse Zurückhaltung, die Angst und das Misstrauen vor Neuem lauern. Den antiken Chinesen, ohnehin ein eher beschaulicheres Völkchen, wenn man bedenkt, dass das Beamtentum (nicht Drachentöter) den höchsten Ruhm genoss, war das Interessante sogar so unheimlich, dass man es anderen anstelle der Pest (die europäische Variante) an den Hals wünschte: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“ Der langen Einleitung recht kurzer Sinn ist, dass es außer den eher ambivalent-interessanten Dingen in Südafrika auch einfach nur Schönes gibt. Eine über den menschlichen Problemchen erhabene, atemberaubende Landschaft mit einer für Europäer geradezu aberwitzig reichen Tierwelt. Obwohl man auch in Cape Town Wolken über den Tafelberg fließen sieht und Perlhühner jeden Abend den Garten bevölkern wird man doch allzu schnell wieder von diesen Wundern Afrikas abgelenkt – durch den hupenden Minibus neben einem oder den bewaffneten Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma, der die Perlhühner mit seinem über reiche Grundstücke leckenden Scheinwerferkegel verscheucht. Will man also ungestört das nur schöne Afrika erleben, muss man dort hin fahren, wo weniger bis gar keine Menschen sind.

Letztes Wochenende haben Lina und ich so eine Flucht unternommen und wurden reichlich dafür belohnt. Durch die umliegenden Berge, die die Küste wie steinerne Wellen umgeben und zwischen sich große fruchtbare Täler bilden, fuhren wir zunächst in die Little Karoo. Dem Reiseführer nach sollte es eine Halbwüste sein, mit ihren saftigen Hügeln hatte diese Trockenzone aber eher sauerländischen Charme – wenn man von den Straußen am Straßenrand absieht. Diese kleine Enttäuschung wurde aber vollends durch die Fahrten durch eben jene umgebenden Gebirge kompensiert. Durch tiefe Schluchten roten Gesteins, das sich fast schon unwirklich gegen einen strahlend blauen Himmel abzeichnete, ging es weiter in Richtung Küste zum De Hoop Nature Reserve.



Dort, am Ende einer schier endlosen Staubstraße, eingerahmt zwischen mit Fynbos (dem hiesigen etwa brusthohen Buschbewuchs) bedeckten Hügeln, Sanddünen und dem Meer wurden wir erst einmal von einer Herde Kap-Zebras begrüßt, die sich ohne Scheu das Grasland neben der Straße mit Elans und Buntböcken teilten. Wir dachten zuerst unglaubliches Glück gehabt zu haben, aber weit gefehlt. Als wir am nächsten Tag eine Fahrradtour durch das Reservat zur Küste hindurch machten kamen wir an ganzen Herden von Wildtieren vorbei und durch eine besonders große Elan-Herde sogar hindurch. Die Strapazen sein geliehenes Mountainbike über von Jeepreifen geschlagenen Pfaden durch die trotz frischen Windes immer noch spürbare Hitze zu quälen sind schlagartig vergessen, wenn sich vor einem der Fynbos teilt und wahlweise Zebras, Bunt- und Springböcke, Strauße oder Paviane frei gibt. Und es sollte noch besser kommen.



Endlich am Meer angekommen hielt ich die vielen schwarzen Schatten vor der Küste zunächst für kleine Riffe – bis sich eines von diesen Riffen aus dem Wasser wuchtete und als massiger Wal wieder in die Wellen stürzte. Und es war nicht nur dieser eine Wal. Von den weißen Sanddünen aus bot sich einem ein Blick über mindestens ein Dutzend Wale, die mit ihren gewaltigen Flossen winkten, sprangen, prusteten oder sich einfach von den Wellen hin und her wiegen ließen. Ein unvergesslicher Anblick, der sich kaum auf Fotos festhalten lässt. Ich hab es trotzdem mal versucht.



Von der Fahrradtour und den Eindrücken erschlagen haben wir uns dann erst einmal eine halbe Stunde aufs Ohr gelegt. Eine Gelegenheit, die Diebe macht… Denn kaum waren wir aufgewacht sprang keine 30cm von unserem Bett entfernt ein großer Pavian auf und flüchtete durch ein von uns fahrlässig offen gelassenes Fenster in der Tür. Offenbar hatte der mit exquisitem Geschmack ausgestattete Allesfresser die Zeit genutzt, um die sündhaft teure Salami, unsere Kekse und einen Apfel als Nachtisch aus unserem Rondell zu stehlen und wurde gerade bei dem Versuch gestört sich an den Kühlschrank zu machen (der zwar leer war, aber woher soll der Affe das wissen?). Einen Kaffee zum wach werden brauchten wir beide nicht mehr – so ein Pavian direkt am Bett weckt Urinstinkte und Adrenalin. Ähnlich wirkt sich übrigens die Entdeckung aus, dass der Stein, auf dem man eben noch zum Picknick gesessen hat, eigentlich die Unterkunft eines Skorpions ist… Er war aber friedlich (hatte anscheinend eine lange Nacht) und hat sich sogar fotografieren lassen.



Am nächsten Tag wurde sich noch ordentlich von den Walen verabschiedet, dann fuhren wir weiter zum obligatorischen Touristenfoto am Cape Aghulas. Es gibt nun einmal Fotos, wie das Stützen des Turmes von Pisa oder der Biss in den Berliner Fernsehturm, an denen man nicht vorbei kommt. Selbst wenn das gehässige Stimmchen im Hinterkopf ständig „Tourist! Tourist! Tourist!“ äfft. Denn außer eben jenen Touristen, einem ganz netten Leuchtturm und – natürlich – dem südlichsten Punkt des Kontinents gibt es in Cape Aghulas eigentlich nichts zu sehen. Fotos haben wir natürlich trotzdem gemacht. Stimmchen hin oder her.



Wer zur Wal-Saison im De Hoop Nature Reserve war kann sich getrost den Umweg über die sog. Wal-Stadt Hermanus sparen, den wir trotzdem gemacht haben. Die zwei, drei Wale in der bebauten Bucht waren zwar an sich auch beeindruckend, konnten aber natürlich nicht im Geringsten mit dem De Hoop mithalten.