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Babel

CapeTownPosted by LoopBack Tue, October 20, 2009 22:47:45

Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass man eine Fremdsprache am besten durch einen Aufenthalt im jeweiligen Sprach- und Kulturkreis erlernt. Aus diesem Grund werden jährlich zigtausende Schüler und Studenten von einer brummenden Austauschmaschinerie in die Welt hinaus geworfen, um das eigene Leben – vor allem aber den eigenen Lebenslauf – zu bereichern. Diese Austauschnomaden treffen im Ausland meist enttäuschender Weise nicht vorwiegend auf urige Einheimische, sondern auf ihresgleichen.


Wie Kieselsteine in einem unruhigen Flussbett werden die Austauschnomaden nun, vom kulturellen Durcheinander hin und her geworfen, nach und nach zu einer einheitlichen Norm geschliffen – den „Internationals“. Dieser Prozess braucht seine Zeit und ca. zwei Austauschprogramme, dann aber ist der ehemalige Nomade im globalen Dorf sesshaft geworden. Er war dann mindestens 2 Jahre im Ausland, spricht mindestens drei Sprachen, hat in mindestens vier Ländern gelebt und sein Small-Talk kommt mit höchstens fünf Themen aus (Woher kommst du? Was machst du hier? Wie lange bist du hier? Wo warst Du sonst schon? Sollen wir Nummern tauschen?). Sich selbst sieht er klammheimlich gerne als aufgeklärte, interkulturell interessierte Speerspitze der globalen Inteligentia, wobei die Anzahl der bereisten Länder direkt proportional zur eigenen Toleranz ist. Eine dem „International“ verwandte Art ist übrigens der „Backpacker“, dessen einziger Unterschied der ist, dass er im Gastland nicht an eine Schule oder Uni gebunden ist und deshalb seine ganze Zeit dem Erleben authentischer Eindrücke widmen kann, wie sie in seinem abgegriffenen Lonely Planet vorgeschrieben sind.

Beiden gemein ist, wie gesagt, der Hang zur Herdenbildung, was den Fremdsprachenkenntnissen eigentlich nicht gut tun dürfte. Es sei denn man verbucht es als Erfolg den knorrigen deutschen gegen einen beliebigen irgendwo-aus-Europa Akzent eingetauscht zu haben.

Aber tausende Personalchefs (die sich gerne Human Resource Manager nennen, falls sie selber mal ein „International“ waren) können sich nicht irren. Und ich will auch nicht unfair sein. Natürlich stimmt es, dass man eine Sprache ganz anders erlebt und erlernt, wenn man sich ständig in ihrem Wirkkreis aufhält. Der Aufenthalt in einer anderen Sprache hat aber noch einen weiteren Effekt, den man so kaum im Englisch- oder Französischunterricht vermitteln kann: der Alltäglichkeitsschleier, der die eigene Muttersprache umgibt, wird mit zunehmender Distanz durchsichtiger. Was man vorher nie hinterfragt, weil von der Wiege auf gelernt hat, kommt einem auf einmal besonders, eigenartig, vielleicht sogar einzigartig vor.

Ich hätte nie gedacht, wie sehr ich die deutsche Sprache in ihrer kalten Präzision vermissen würde. Aber ich tue es. In englischsprachigen Gesetzen oder Verträgen wird beispielsweise oft und gerne das Wort „shall“ benutzt. Ob das nun bedeutet, dass der Gegenpart etwas tun muss, etwas tun soll, oder etwas tun sollte bleibt dabei völlig unklar und ist – ebenfalls oft und gerne – Grund für Streitigkeiten. Wenn man Glück hat und es z.B. um einen völkerrechtlichen Vertrag geht, gibt es meist noch andere Übersetzungen, die diese englische Ungenauigkeit beseitigen können. Gerade die französische Übersetzung wird dazu gerne heran gezogen, wahrscheinlich weil Französisch einfach die Sprache der Diplomatie ist. Und das wiederum könnte daran liegen, dass Französisch zwar so schön wie ein blumiges Ornament ist, aber auch ebenso unübersichtlich. Die deutsche Sprache hingegen ist weniger wie ein Bild, als ein Konstruktionsplan: unübersichtlich und furchtbar kompliziert für den Laien, hingegen strukturiert und voll nützlicher Informationen für den, der sich damit auskennt – und das ohne unnötig Worte zu verlieren. Gerade die Eigenart, Wörter aus anderen nach Bedarf zusammen bauen zu können wie mit Legosteinen macht die deutsche Sprache zu dem, was dem verbreitetsten Vorurteil nach ihre Verwender ohnehin sind: gnadenlos effizient. Es stimmt: Deutsch klingt nicht so schön wie Französisch, sieht nicht so gut aus wie Arabisch, wird nicht so viel gesprochen wie Chinesisch und ist nicht so unglaublich wichtig wie Englisch. Sie ist weniger für Liebesgedichte gemacht, als für Cornflakes-Packungen. Denn wer auf einer solchen im südafrikanischen Supermarkt den unbeholfenen Hinweis

„[This package is sold by weight not by volume. Some settling of contents may have occured during shipping and handling.]“

entdeckt, wird vermutlich schmunzelnd denken: “[Füllhöhenschwankung transportbedingt.]”

Denn das ist wahre Leistungs-Lyrik.



Nicht immer so einfach, mit der Sprache... Vor allem in einem Land, in dem die Hauptverkehrssprache von fast niemandem muttersprachlich gesprochen wird. Da fühlt man sich doch direkt heimisch.