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Vater der Nation

CapeTownPosted by LoopBack Fri, July 17, 2009 16:29:40

Um zu erleben, wie sehr auch 15 Jahre nach den ersten freien, geheimen und vor allem gleichen Wahlen Südafrika noch innerlich zerrissen ist brauchte dieser Tage nur eine Ausgabe der „Cape Times“ (dem hiesigen Kölner Stadtanzeiger) zu kaufen.

Letzten Sonntag erlebte Kapstadt den heftigsten Winterregen seit mehreren Jahrzehnten. Vom Tafelberg, der nun einmal fast überall ist, ergossen sich Sturzbäche aus Geröll, Schlamm, Sand und natürlich jeder Menge Wasser in die Stadt. Während bei uns, im wohlhabenden Camps Bay, noch in derselben Nacht orangebekittelte Arbeitstrupps ausrückten, um die entzückende Strandpromenade wieder herzurichten, hatten die Fluten in den ärmeren Gegenden Kapstadts eine verheerende Wirkung. Ca. 20.000 Menschen in den sog. „irregular settlements“ wurden obdachlos – falls man ihre weggespülten, zwischen Autobahnen eingeklemmten, Wellblech- und Papphütten überhaupt als Obdach zu bezeichnen kann. Nur eine Zeitungsseite nach den Bildern der Verheerungen des Unwetters echauffierte sich ein dem Namen nach nicht besonders farbig wirkender Leser über die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung, die – so fürchtete er – seine eigene hervorragende Gesundheitsversorgung beschneiden würde. Und in einem Einspalter, gewissermaßen am Rande, wurde man darüber informiert, dass in ärmeren Gegenden nicht einmal jeder vierte Schüler von 14 Jahren in der Lage ist, einen allgemeinen Schreib- und Rechentest zu bestehen. Sicherlich kein Problem, das den Herrn mit seiner guten Krankenversicherung nachts nicht schlafen lässt. Zumindest keines, das einen Leserbrief wert wäre.

Über alle Grenzen hinweg aber strahlt in Südafrika ein Mann, dessen Verehrung fast schon messianische Züge angenommen hat: Nelson Mandela, oder besser Madiba, wie er hier genannt wird. Zieht er ein Trikot der südafrikanischen Rugby-Mannschaft – der Springbocks – an, wird dieser Sport plötzlich auch in ärmeren Schichten populär. Lässt er sich zusammen mit Jacob Zuma fotografieren, steigert das unmittelbar die Reputation des Präsidenten. Und nun laufen die Radios und Druckerpressen heiß für den morgigen Tag: Madibas 91. Geburtstag. Mandela-Day. Ein Tag, der zu einem über alle inneren Gräben hinweg geeinten Südafrika aufruft und dessen Ruf auch über überall vernommen wird.

Passend dazu (und dessen völlig unbewusst) habe ich gestern einen Ausflug nach Robben Island gemacht. Der Gefängnisinsel, in der Madiba die längste Zeit inhaftiert war. Die dreistündige Führung samt Überfahrt kostet derzeit R 180, was etwa 15 Euro entspricht. Kein Wunder, dass auf dem Boot nur weiße Touristen und eine wohlhabende Schwarze Familie hinter den Objektiven ihrer Digitalkameras versammelt saßen. Der wirtschaftliche Graben, der den Rassismus der Apartheids-Ära ersetzt hat, umgibt sogar diese Geburtsstätte des modernen Südafrika.


Zwei Ansichten von Robben Island.

Land und Leute I

CapeTownPosted by LoopBack Sat, July 11, 2009 19:00:21
Eine Woche ist noch nicht ganz um und trotzdem bin ich schon erschlagen von Eindrücken. Und das, obwohl ich bisher nicht einmal so an der Oberfläche von Cape Town gekratzt habe, wie es jeder Tourist im Urlaub besser könnte. Abgeklärte Menschen, die schon mal Dokus über Cape Town gesehen oder Bücher darüber gelesen haben, werden deshalb von meinen ersten Eindrücken nicht vom Hocker gerissen. Natürlich stehen an jeder Ecke, jeder Ampel, jeder Parklücke und jeder Kasse Schwarze, die versuchen durch alle möglichen Dienstleistungen wenigstens ein paar Rand zu verdienen. Natürlich sind diejenigen, die sich in den Restaurants, Bars, Malls und Strandpromenaden bedienen lassen, fast ausschließlich Weiße. Natürlich laufen hier Pinguine, Straußen und Paviane frei herum und natürlich sind das Kap und der Ozean stürmisch und von wilder Schönheit. Aber auch vielleicht erwartbare Eindrücke treffen einen unvorbereitet und hinterlassen Spuren.

Hinzu kommen die vielen Kleinigkeiten, die sich hoffentlich im Laufe des Jahres zu einem Mosaik aus Cape Town und Südafrika formen werden. Wie der afrikaanische Servicemensch, der beim Anblick meines „Nazis? Nein Danke!“-Aufklebers auf dem Labtop freundlich-interessiert fragte: „Ach. Seid ihr Nazis?“ (den Aufkleber habe ich sicherheitshalber sofort entfernt). Oder die Mitarbeiter eines Supermarktes, die zur blechernen Radio-Pop-Musik der Lautsprecher fröhlich tanzend und singend die Regale einräumten. Vielleicht auch alles typisch. Aber einzigartig.

P.S.: Mein erstes eigenes Auto wird wohl übrigens cremefarben. Vorschläge, wie ich in so einer Karre trotzdem markant-männlich wirken kann, nehme ich jederzeit und verzweifelt entgegen!




TXL - CPT

CapeTownPosted by LoopBack Sun, July 05, 2009 11:52:37

Jetzt geht es also doch los.

Nach vielen Anlaufschwierigkeiten und nervenaufreibenden Auseinandersetzungen mit der Uni, deutschen Behörden und dem Reissverschluss meiner Tasche steht dem Abflug nach Kapstadt anscheinend nichts mehr entgegen. Ein komisches Gefühl. Ich bin mir nicht sicher, ob es schon (süd)afrikanische Gelassenheit ist, oder ob mir das anstehende Jahr in der angeblich schönsten Stadt der Welt einfach noch viel zu unwirklich vorkommt.

Wie dem auch sei: Realität und Anspannung werden jedenfalls am kommenden Dienstag auf mich einstürzen. Spätestens, wenn ich im Linksverkehr panisch die Autobahnausfahrt auf der falschen Seite suche...

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