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Eindrücke II

CapeTownPosted by LoopBack Thu, February 18, 2010 15:11:54

Highlander (Thabana-Pass, Lesotho)

Noch zehn Meter, noch fünf Meter, jetzt! Die Kühlwasser-Nadel bleibt kurz vor der kritischen Marke stehen, zittert kurz und sinkt mit dem ersterbenden Motorgeräusch wieder ab. Unser schwer beladenes Auto, die steile Straße aus Matsch und Felsen und die dünne Höhenluft haben unser Kühlwasser in die Knie gezwungen. Da hilft nur warten. Resigniert gehe ich raus in den Nieselregen und öffne die Motorhaube, um mir die Sache näher anzusehen. Warme Luft getränkt vom Geruch des heißen Motoröls schlägt mir entgegen und verdrängt die ansonsten kristallklare Bergluft.


[Unterwegs in Lesotho: Asphalt ist hier selten - und das ist auch gut so. Denn wo geteert ist haben sich große Schlaglöcher (Potholes) gebildet. Von deren Bekanntschaft mit Autoreifen zeugen diverse zerfetzte Gummireifen alle paar hundert Meter.]


Als ich meinen Blick über den wilden Berghang gleiten lasse sehe ich eine Person, die sich uns langsam auf einem kleinen Pferd, bzw. einem großen Pony nähert. So unwegsam Lesotho auch sein mag, so überraschend bevölkert ist es doch rund um die wenigen Straßen, die das Land durchziehen. Bisher wurden wir bei fast jedem unserer gewollten und ungewollte Autostopps von Einheimischen „begrüßt“. Die mangelnden Englisch-, bzw. Sesotho-Kenntisse reduzierten die Unterhaltung leider immer auf ein weniger freundliches als vielmehr forderndes „Money!“, begleitet von einer aufgehaltenen Hand. Kein Vorwurf - über den so offensichtlich wie breiten Wohlstandsgraben hinweg (Lesotho ist eines der ärmsten Länder der Welt) lässt sich kein Gespräch auf Augenhöhe führen. Doch als der in groben rötlichen, mit südamerikanisch anmutenden Mustern gewebten, Decken gekleidete Reiter neben unserem Dampfenden Motor anhält bleibt die erwartete Forderung aus. Statt dessen beugt er sich interessiert über den Kopf seines vom Höhenunterschied im Gegensatz zu unserem Auto gänzlich unbeeindruckten Ponys, um besser in den Motorraum sehen zu können. Dann sieht er mich an und fragt in fehlerfreiem Englisch: „Do you need help?“ Als ich verneine wirft er noch einen letzten Blick auf den V6-Motor, nickt würdevoll in meine Richtung und lenkt sein Pferd den Abhang hinunter und verschwindet schließlich im Nieselregen. Er hinterlässt einen Eindruck davon, dass die Einwohner Lesothos ursprünglich ein stolzes, freies Bergvolk waren, dass lange Zeit erfolgreich jedem Angriff auf ihre Himmelsfestung getrotzt haben und weit über ihr Hochland hinaus berühmt-berüchtigt waren. Aber Armut und Hunger verzehren nach und nach auch den größten Stolz...


[Der Reiter verschwindet im Nebel]



[Potholes der angenehmeren Art im Blyde River Canyon bei Graskop, Südafrika]



Drink doch eene met (Victoria-Falls, Zimbabwe)

Als die ersten dicken Tropfen auf dem Asphalt zerplatzen wird mir klar, dass ich mich doch verschätzt habe. Eigentlich wollte ich nur kurz runter in die „Stadt“, die sich nach ihrer einzigen Daseinsberechtigung „Victoria Falls“ nennt und eher eine Ansammlung von Hotels, Backpackern und Andenkenläden ist. Aber dann holt mich doch schon auf halber Strecke das nachmittägliche Regenzeit-Gewitter ein. Ich stehe, unschlüssig ob ich umkehren und nass, oder weitergehen und klatschnass werden soll, vor einem billig aussehenden Lokal, dessen rundum umgitterte Veranda einen zweifelhaften Gefängnis-Charme verbreitet. Dort scheint jemand mein Zögern bemerkt zu haben, denn sofort ruft jemand:“Komm doch rein und trink ein Bier mit!“ Lachend prostet eine Gruppe aus mehreren Männern und einer Frau mir aus dem Käfig zu. Ich überlege kurz: einerseits kommt es mir etwas dubios vor, dass mich mehrere Schwarze (der unterschwellige Kriminalitäts-Rassismus aus Südafrika geht auch an mir nicht spurlos vorbei) zum Bier zu sich rufen. Andererseits trage ich aus Gewohnheit keine Wertgegenstände bei mir, es ist hellichter Tag, die Kneipe liegt an einer der Hauptverkehrsstraßen und vor allem: ich bin hier in Zimbabwe, nicht in Südafrika. Wer die Nachrichten aus Mugabe's Harare, die Bilder der Straßenkämpfe 2008 und die Geschichten über brutales Militär im Kopf hat mag sich fragen, ob das nicht noch eher dagegen sprechen könnte, die Einladung anzunehmen. Aber um hier en passant mit einem westlichen Vorurteil (und einem Vorurteil vieler weißer Südafrikaner) aufzuräumen: die Menschen - auch an den diversen nächtlichen Straßensperren, die ich soweit in Zimbabwe getroffen habe, zeichneten sich stets durch besondere Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft aus. Vielleicht liegt es am hohen Bildungsniveau der meisten Erwachsenen (jaja - noch so ein falsches Vorurteil), oder am geringeren Einkommensgefälle (wenn man die Eskapaden der herrschenden Kaste absieht), jedenfalls wäre Zimbabwe alleine seiner Bewohner wegen eine Reise wert, mit denen man sich dank der großartigen Natur nicht einmal begnügen braucht. Jedenfalls nehme nach kurzem Zögern die Einladung an und werde mit großem Hallo, Handschlägen und einem kalten Dosenbier begrüßt. Alle hier arbeiten mehr oder weniger regelmäßig in Victoria Falls und verbringen ihre Freizeit mit der einzigen Beschäftigung, die man sich als Arbeiter hier leisten kann - Trinken. Zwar ist mit Einführung des US$ und des südafrikanischen Rand als offizieller Währung die Hyperinflation gestoppt, aber dafür liegen die Preise nun auf hohem Niveau. Und weil US$ 1 für eine Dose Bier für viele immer noch zu teuer ist, um ihren trainierten Lebern einen Vollrausch zu finanzieren, hilft man sich mit einem alten englischen Hausmittelchen: Officer's. Aus einem kleinen Plastikbeutelchen im Retro-Design wird dazu hochprozentiger Alkohol in die Bierdose gemischt und so das lokale Starkbier gemischt. Hochprozentig und so widerlich, dass ich nach einem Schluck dankend und hustend ablehne. Aber in der schwülen Hitze merke ich auch die drei „unverbesserten“ Bier, zu denen ich in freundlicher Atmosphäre beim Gespräch über Gott, die Welt und natürlich Fußball („Aus Deutschland?! Jaja - Michael Ballack... Ihr habt gute Chancen auf den WM-Titel!“) genötigt werde. Als ich aber beschließe zurück in den Backpacker zu gehen und meinen Anteil bezahlen will ernte ich lautstarken Protest. Man habe die Einladung ernst gemeint und das hieße ja wohl, dass man mir auch die Getränke bezahle! Vielleicht liegt es am Alkohol, jedenfalls bin ich mehr als gerührt, dass diese Leute, die sich jeden Dollar vom Mund absparen müssen, mir Tourist unbedingt die drei Bier bezahlen wollen. Ich bedanke mich natürlich überschwänglich und lasse beim Rausgehen dem Tisch noch eine Runde auf meine Rechnung zukommen - so würde man es ja nun auch in Köln machen.


[Der "Donnerde Rauch" der Victoria Falls ist besonders in der Regenzeit beeindruckend]


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