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Rassenkampf?

CapeTownPosted by LoopBack Wed, May 05, 2010 23:30:02

Da war es wieder, dieses andere, hässliche Gesicht Südafrikas: Kurz nachdem am 3. April Eugène Terre'Blanche auf seiner Farm von seinen zwei schwarzen Angestellten ermordet wurde flatterten wieder die blau-weiß-orangenen Farben des Apartheidtsregimes, die „Stem van Afrika“ wurde von wütenden Weißen in khakifarbenen Anzügen mit dem Aufdruck „100% Boer“ (Bure) gesungen. Ihnen gegenüber führten Schwarze aus dem angrenzenden Township Freudentänze über den Tod des Rechtsradikalen ET, wie Terre'Blanche von den lokalen Medien genannt wird (als wäre er von einem anderen Stern), auf. Sie feierten die mutmaßlichen Mörder als Helden, rissen traditionelle Waffen wie die, die bei der Tötung benutzt wurden, in den Himmel und skandierten „Kill the Farmer, Shoot the Boer“. Um genau dieses alte Lied des Freiheitskampfes hatte es schon vorher heftige Kontroversen gegeben, als „Juju“ Malema – Präsident der ANC Jugendorganisation (ANCYL) – dieses wiederholt und entgegen einer gerichtlichen Anordnung bei öffentlichen Veranstaltungen gesungen hatte. Dass Juju an jenem Wochenende ausgerechnet in Zimbabwe den Diktator Mugabe zu dessen erfolgreichen „Landreform“ beglückwünschte und darüber sinnierte, dass auch Südafrika von diesem leuchtenden Beispiel lernen müsse, legte noch einige Kohlen unter den kochenden Dampfkessel, zu dem Südafrika geworden zu sein schien.


[Lauert hier das Böse? Rosa Hütte mit Herzchen-Toilette in den Cape Flats]


Journalisten aus aller Welt, die eilfertig die eingehenden Agenturmeldungen umschrieben und um ihr eigenes – oft scheinbar von Joseph Conrad inspiriertes – Afrikabild ergänzten, warnten vor der nahenden WM schon vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Ausnahmsweise mal nicht wegen der Kriminellen, sondern wegen handfester ethnischer Konflikte. Steht also Südafrika vor einer Zerreißprobe entlang der „Rassenlinien“? Haben die „Suidlanders“ recht, die schon „sichere Farmen“ außerhalb großer Städte einrichten, die sie mit Waffengewalt gegen die anströmenden schwarzen Horden verteidigen wollen, wie damals die Vortrekker ihre Wagenburg am Blood River.


Ja – in Südafrika brodelt es. Und nein: auch wenn momentan ein ungeheures Gefühl der Unsicherheit unter den Weißen besteht – die Bruchlinie verläuft nicht dort, wo sie Apartheidsanhängern und Pan-Afrikanisten gerne sehen. Dieser Konflikt wird – wie sooft – dort ausgetragen werden, wo er von Touristen und Wohlhabenden nicht wahrgenommen wird: in den Townships. Dieser Konflikt gärt schon seit einigen Jahren und brach schon einmal mit tödlichen Konsequenzen aus. Täglich versteckt er sich in kleineren Zeitungsmeldungen und Gesprächen mit Taxifahrern. Einer dieser Taxifahrer ist Jean. Er ist aus seinem Heimatland Ruanda in das vergleichsweise wohlhabende Südafrika geflüchtet. Ob vor ethnischen Spannungen, oder nur einem bitterarmen Leben – was macht das für einen Unterschied? Es gibt viele wie Jean. Sie kommen aus Ruanda, der Demokratischen Republik Kongo, Somalia – vor allem aber aus dem benachbarten Zimbabwe. Sie sind verzweifelt, oft besser ausgebildet als Südafrikaner in ähnlich desolater Lage und deswegen oft erfolgreich, wenn es darum geht wenigstens hier und da ein paar Rand zu verdienen. Die Parkeinweiser, Souvenirverkäufer, Saisonarbeiter und eben Taxifahrer – sie sind meist selber fremd in Südafrika.


[Es braut sich was zusammen... Wolken über Ausläufern von Nyanga bei Cape Town]


Und wie überall sind es die Fremden, die oft als Sündenbock für das eigene Elend her halten müssen. Nicht immer sind diese Fremden aus anderen Ländern. Einwohner der offiziellen Townships steinigen Feuerwehrautos, die eine angrenzende „informelle Siedlung“ löschen wollen; Einwohner der informellen Siedlung machen wiederum Stimmung gegen „Backyard Dweller“, die in winzigen Hütten im Hinterhof von Sozialbauwohnungen leben. Aber wegen ihrer vergleichsweise geringen Zahl, ihres kaum vorhandenen rechtlichen Schutzes und ihrer (für Afrikaner) offenbaren Andersartigkeit stehen Ausländer ganz unten in dieser Hackordnung des Elends. Ein vermeintlicher oder nichtiger Anlass kann ausreichen und schon werden somalische Shops geplündert und Hütten von Kongolesen nieder gerissen, während die Fremden vom Mob aus der Siedlung gejagt werden. Im besten Fall werden sie dann mit nur einigen Blessuren und ohne ihre Habe von der Polizei in ein Auffanglager gebracht. Diese sind zwar meist aus blanken Wellblechhütten, die im Sommer zu Backöfen und im Winter zu Eisschränken werden, gezimmert, aber sie sind leidlich sicher. Solange man nicht zum Arbeiten das umzäunte Gelände verlässt... Gerüchten zufolge hetzten sogar manche Lokalpolitiker gegen die Ausländer, um von schlechter Grundversorgung und Arbeitslosigkeit abzulenken – wählen können die ohnehin nicht. Auch Jean macht sich keine Illusionen. Er hat bald genug Geld angespart, um wieder nach Ruanda zurückgehen zu können. Das Geld, sagt er und lächelt, das habe er sicher in seiner Hütte versteckt. Denn wenn es losbricht müsse es schnell gehen – da kann man nur mitnehmen, was direkt greifbar ist. Dass es wieder losgehen wird, daran hat er keinen Zweifel. Die bange Frage ist nur wann. Schon kursieren Gerüchte in den Townships, dass man nach der WM, wenn der Fußballzirkus und mit ihm die Weltöffentlichkeit weiter gezogen ist, mal „ordentlich aufräumen“ werde.



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