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Wave your flag!?

CapeTownPosted by LoopBack Fri, June 25, 2010 12:55:30

Da war es wieder – dieses mulmige Gefühl in der Magengegend. Und die ehrliche Freude über Özils Tor, die mich mitsamt der schwarz-rot-goldenen Flagge hatte aufspringen lassen, wurde von einer grölenden „Deutschlaaaaaaand! Deutschlaaaaaand!“-Welle erfasst. Mit jeder Woge trieb sie ein Stück weiter von mir weg und ließ mich etwas hilflos mit meiner Fahne zurück. Ja – ich war verkrampft. Schon wieder.

Eigentlich hatten wir ja mit der WM 2006 eine Dosis nationaler Befreiung verordnet bekommen und fühlten uns nach anfänglichem Zaudern bald schon sehr viel besser. So wurde mir zumindest von allen Seiten versichert – sogar von der englischen Boulevardpresse! Es schien, als seien wir aus dem grauen Tal der Trauer und des (Selbst-)Mitleids hinaus marschiert. Endlich konnten wir gemeinsam mit anderen großen Nationen Europas in unseren jeweiligen Nationalfarben elf Personen anfeuern. Nicht unbedingt mit vor Nationalstolz geschwellter Brust – aber immerhin nicht mehr so verkrampft. Der Auto-Wimpel war sichtbares Symptom der Besserung.

Aber trotz dieser ziemlich teuren Radikal-Kur, die auch mich ein Trikot hat anziehen, Deutschland-Flaggen auf die Wangen malen und die Nationalhymne hat singen lassen, stehe ich nun im „Tafelberg“ in Kapstadt in einem Meer von Leuten, die ein Trikot tragen, Deutschland-Flaggen auf den Wangen haben und die Hymne gesungen haben – und fühle mich fehl am Platze. Was ist passiert? Habe ich als Skeptiker damals eine zu kleine Dosis abbekommen? Andererseits scheint es nicht nur mir so zu gehen.

Vielleicht hatte ja die Medizin von 2006 auch Nebenwirkungen, auf die uns jeder Arzt und Apotheker hätte hinweisen können – hätten wir gefragt. Aber wir waren zu froh endlich mal ohne schlechtes Gewissen mitmachen zu dürfen. Die andern machen es ja auch und fanden unsere Zurückhaltung mit Nationalsymbolen immer schon merkwürdig. Eine echte deutsche Befindlichkeit eben.

[Wenn einen ein somalisch-kanadischer Sänger im Auftrag von Coca Cola dazu auffordert muss man es auch probieren: Flag-waving in der Community-Hall von Khayelitsha beim Spiel RSA v. FRA]


Noch so eine deutsche Befindlichkeit war übrigens die teutonische Zurückhaltung in militärischen Angelegenheiten. Während andere Länder schon immer wenig Probleme hatten bewaffnete Streitkräfte durch die Welt zu schicken fanden sich die Deutschen im Schatten ihrer jüngeren Geschichte und dem „Nie wieder!“-Transparent in der Rolle des Sonderlings. Auch hier war der – von außen begrüßte – Wandel ein zunächst zaghaft, aber stetig. Wo wir zuerst nur finanziell fremde Soldaten unterstützten schickten wir bald unbewaffnete Aufklärer, die sodann zur Selbstverteidigung bewaffnet und schließlich mit robustem Kampfmandat ans Horn von Afrika geschickt wurden. Von der pazifistischen Landesverteidigungs-Armee ist das etwas so weit entfernt wie der Hindukusch von der Sicherheit Deutschlands.

Der Punkt ist der: Nicht alles, was andere merkwürdig finden, ist notwendiger Weise schlecht. Dass wir uns wenigstens teilweise unserer gewalttätigen Geschichte gestellt haben ist im europäischen Vergleich auch eher ungewöhnlich – aber ist es deshalb falsch? Deutschland hat mit Faschismus, Nationalismus und (Staats-)Symbolik besonders leidvolle Erfahrungen gemacht. Nicht als einziges Land. Aber nur weil anderswo über die Mussolinis, Francos und Pinochets immer noch mehr geschwiegen als geredet wird – wird es dadurch besser? Die deutsche Rolle im zweiten Weltkrieg und während der Shoah war bislang einzigartig. Und wenn wir hinterher das einziges Land sind, das für sich spezielle Lehren daraus gezogen hat werden diese nicht dadurch falsch, dass andere sie (noch) nicht teilen. Ein gebranntes Kind springt nicht nochmal übers Feuer, auch wenn es bei den Freunden bisher mehr oder weniger gut gegangen ist. Es könnte die anderen vielmehr warnen mit dem dämlichen Gehopse aufzuhören und endlich das Grillzeug holen. Das wäre mal ein echter Fortschritt, von dem alle was hätten.

Statt dessen hab ich 2010 den Eindruck, dass wir vielleicht doch wieder mithopsen wollen. Noch nicht jetzt direkt, aber bald. Meine sehr persönliche Erfahrung aus Südafrika dazu ist, dass die Fan-Gesänge monotoner geworden sind. Wurden früher noch humorvolle Chöre wie „Du hast die Haare schön“, „Eine Straße, viele Bäume“ , „Wir wolln den Netzer sehn“ oder das bereits recht anspruchsvolle „Auf geht's Deutschland - schießt ein Toooor“ gesungen wurde hört man hier nur „Deutschlaaaaaaaaand!“ und seine jeweiligen Abkürzungen in autistischem Dauergesang. Beim produzieren dieser authentischen Stadion-Atmosphäre fühlt man sich natürlich durch die lokalen Plastikbläser gestört, die dann auch gerne beschimpft und mit einem fast schon kreativen „Wir singen scheiß Vuvuzela“ bedacht werden. Das alles vermengt sich zu einer eher ablehnenden, fast schon aggressiv wirkenden Atmosphäre und klingt nicht gerade nach den Freunden, bei denen die Welt zu Gast war.


[Kurz bevor einer Rot sieht. Ja - die Entscheidung war hart. Aber ja - es war auch ein Foul. Aber genützt hat es den Serben letzten Endes eh nichts.]


Ich habe kein Problem damit im Trikot die deutsche Mannschaft anzufeuern und werde genau das am Sonntag tun. Auf der Grand Parade. Mit Flagge. Hoffentlich mit Schweini. Inmitten englischer, deutscher und vielen hartgesottenen südafrikanischen Fans. Denn es geht nicht darum, dass man „sowas als Deutscher nicht darf“.


[Darf man schon: hier z.B. vor dem Stadion in Port Elizabeth]


Denn vielleicht haben wir 2006 einfach missverstanden: Es ging nicht darum, dass Deutschland seine Flaggen entdeckt hat. Es ging darum, dass die humorlosen, effizienten Deutschen plötzlich unbeschwert bei einer bunten, internationale Party mitfeiern konnten. Jetzt sind die Gäste gegangen, die Party ist vorbei, wir bleiben mit unseren Flaggen zurück und probieren aus, wozu die noch gut sind. Aber Flaggen, die nicht mit, sondern gegen einander geschwungen werden, wirken nicht fröhlich, sondern aus meiner Sicht bedrohlich. Und apropos verkrampft: nur weil jemand mit schwarz-rot-gold auf der Backe den Namen seines Geburtslandes grölen kann ist er noch lange nicht entspannt.


[Auch angespannt: Zuschauer haben gerade den französischen Anschlusstreffer erleben müssen. Und Uruguay führte auch nicht so hoch wie erhofft...]



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